Eine europäische Biografie

Autor: admin

1968: Zodiak, Musikgeschichte und eine Pleite

Das ehemalige Schaubühnen-Gebäude am Halleschen Ufer 2017. Foto: Ulrich Horb

Ich verdiene seit langem wieder mal richtig regelmäßig Geld. Und bald will ich Millionär werden. Dazu will ich einen riesigen Musik-Schuppen aufmachen, wie es sie in New York gibt, Live-Musik, langhaarige Typen.

Mit einem älteren Kneipen-Besitzer aus Kreuzberg, Leopold Unger, genannt Poldi, der die Künstlerkneipe „Malkasten“ betreibt, mache ich das Zodiak auf. Wir pumpen uns dazu Geld bei der Bank. Ich habe damals eine mystische Phase, lese die Kabbala und alles über den Hexenkult, auch über Astrologie und da bin ich auf Zodiak gestoßen, die Tierkreiszeichen. Passt gut zu Belladonna oder Mescalin und natürlich zu diesem herrlichen mexikanischen Gras. Aber vielleicht sind es auch die Musiker, die zur Namensgebung beitragen, die mit ihren elektronischen Geräten für kosmische Klänge sorgen und im „Zodiak Free Arts Lab“ zusammenkommen, Musiker wie  Conrad Schnitzler, oder Hans-Joachim Roedelius. Weiterlesen

1975: Der Betriebsrat und die Betriebsfeier

1975 arbeite ich in einer Firma, die Schilder herstellt und bin Betriebsrat. Am Morgen dieses kalten Wintertags bleiben die Werktore ge­schlossen. Gleich am Eingang sagt es der Geschäftsführer den Mitarbeitern und die wollen es zuerst gar nicht glauben. Sie sehen hinter den Fenstern die Herren von der Geschäftsleitung herumlaufen, telefonieren. Die schicken den Betriebsrat vor, da mal nachzufühlen. Vielleicht ist der Chef abgestürzt mit seinem Sportflugzeug, vielleicht hat er die Firma verkauft, gedroht hat er schon öfter. „Was soll der Unsinn?“ fragt der Betriebsrat.

Unsinn sei das nun gerade nicht, die Leitung verbittet sich das. „Was soll denn dann die Aussperrung?“ fragt der Betriebsrat.  Aussperrung ist es auch nicht. Die Herren haben ernste Gesichter.

Draußen ist auch Kälte. Die Kollegen kommen in der Kantine der Nachbarfirma unter, da ist es warm, da warten sie auf das Erscheinen des Hauptchefs aus Hannover. Was war da bloß geschehen?

Im kleinen Konferenzsaal haben sich die Herren der Leitung versammelt. Die Szene ist aufgebaut wie das Jüngste Gericht. Der Chef sitzt am Kopfende des langen Tischs, zur Rechten wie zur Linken die Unterchefs, auf allen Gesichtern ist Weltuntergang.

Die Herren von der Berliner Leitung haben Gesichter wie Heulen und Zähneklappern und Schreibblöcke vor sich, auch ein Tonbandgerät. Diese Sitzung wird festgehalten für die Ewigkeit.

Der Chef hat zumindest seine Herren überzeugt, wie gefährlich er ist, wie er zuschlagen wird gegen diesen Betriebsrat. Wie er draufhauen wird, Wumm, wird er draufhauen.

Jetzt ist der Betriebsrat geliefert. Soll ich Ihnen mal sagen, was ich machen werde, sagt der Chef: Ich schmeiße diese roten Kerle alle raus, das werde ich machen.

Er hat diesen Betrieb mit eigenen Händen aufgebaut. Er lässt sich das nicht kaputt machen von dem linken Gesindel, „verstehen Sie das?“ fragt er seine Unter-Chefs. Die verstehen das.

Die drei Betriebsräte werden hereingerufen müssen stehen vor dem Tisch, an dem die Geschäftsleitung sitzt, hinter einer Mauer von Entschlossenheit.

Die Betriebsräte betreten den Raum und sagen „Guten Morgen“.

Die Herren sind verdutzt, schauen den Chef an. Ist das wieder so ein Trick von diesem Betriebsrat? Was ist das? Warum stottern diese Kerle nicht rum?

Dann sagt der Chef „Guten Morgen“ und danach sagen alle Herren von der Berliner Leitung „Guten Morgen“.

Die Betriebsräte packen ihre Taschen aus. “Hast du einen Bleistift?“ fragt der eine, „möchtest du einen Bonbon?“ fragt der andere. Nein danke, nichts Süßes so früh am Morgen.

Das Jüngste Gericht wird ungeduldig. Setzen Sie sich, sagt der Chef.

„Setzen wir uns doch“, sagen die Betriebsräte.

„Meine Herren“, sagt der Chef mit stahlhartem Blick. So was lässt dem Gegner den kalten Schauer den Rücken runterlaufen, wenn es gut gemacht wird.

„Meine Herren“, sagt der Chef schneidend, „ich verlange Ihren sofortigen Rücktritt.“

Peng, das sitzt!

Die Herren der Leitung schauen auf die drei Sünder.

„Warum?“ fragte der Betriebsratsvorsitzende.

„Was warum?“ fragte der Chef.

„Warum verlangen Sie unseren Rücktritt?“

Wie soll sich ein Chef nun verhalten bei solch unsinnigen Fragen? Er geht einfach drauf ein.

„Wegen der gestrigen Vorkommnisse“ sagt der Chef: Wo bleibt das Geständnis?

„Welche Vorkommnisse?“ fragt der Betriebsrat.

„Ich verlange Ihren Rücktritt“, brüllt der Chef. Eigentlich soll ja ein Chef nie brüllen, aber er ist ja auch bloß ein Mensch. Alle Herren der Geschäftsleitung wechseln das Gesicht von ernst auf zornig.

„Wegen der gestrigen Vorkommnisse“, brüllt der Chef. „Der ganze Betrieb war besoffen“, brüllt er. „Sie haben das gefördert“, brüllt er. „Alles ist kaputt, es gab eine Messerstecherei. Ich verlange Ihren Rücktritt!“

Er ist sehr überzeugend in seinem Zorn.

„Welche Paragrafen?“ fragt der BR. „Was?“ fragt der Chef. „Welche Paragrafen?“ fragt der BR. „Wieso? Welche Paragrafen?“ fragt der Chef.

„Gegen welche Paragrafen haben wir verstoßen?“ fragt der BR.

Der Chef stutzt. Was fragt ein gerechter Zorn nach Paragrafen, fragt er sich.

Andererseits: Er hat nun schon zu viele Prozesse verloren.

Er schaut seine Leute an, aber die sagen auch nicht wie diese Paragrafen heißen, dafür machen sie sich eifrig Notizen, den Kopf eingezogen.

Nun gut. Der Chef wird diese Paragrafen eben selber finden. „Wollen Sie etwa bestreiten, dass gestern getrunken wurde?“ fragt er drohend.

„Haben wir getrunken?“ fragt der Betriebsrat. „Haben Sie nun getrunken? Sie haben das nicht verhindert“, ruft der Chef, „auch nicht die Messer­stecherei, Tische wurden  umgeworfen, Stühle, einige waren so betrunken, dass sie bei den Kunden nur noch gelallt haben….“

Fassen wir also zusammen, sagt der BR. Sachbeschädigung, Körperverletzung, Saufen am Arbeitsplatz, alles Verstoß gegen die Betriebs-Ordnung, alles Kündigungsgründe. „Richtig“ sagt der Chef.

„Wer von uns hat Sachen beschädigt?“ fragt der BR. „Herr Abteilungsleiter“ sagt der Chef, „Wer hat welche Sachen beschädigt?“ „Ah“ sagt der Abteilungsleiter. „wer genau das war, kann ich nicht sagen, aber Tische wurden umgeworfen, Werte wurden zerstört. Einige haben gelallt…der Betrieb sieht aus wie ein Saustall“, sagt der Abteilungsleiter.

Der Chef hat eine Idee. Vielleicht sollten sich alle mal den Saustall ansehen, damit alle sehen, wie es aussieht, was ihm am Telefon beschrieben wurde.

Der Chef und sein Gefolge betreten die große Fertigungshalle.

Es ist sehr kalt. Gleich vorne um den Packtisch liegen unzählige Zigarettenkippen am Boden, Glasscherben.

Der Chef spricht in das Mikrofon seines Tonbandgeräts: „Ich befinde mich am Packtisch. Rings um den Tisch liegen ein, zwei, äh, 6, liegen 11 Kippen, drei leere Bierflaschen. Richtig?“

„Richtig“, sagt der Betriebsrat.

„Hier ist noch ein kaputtes Glas“, sagt ein BR.

„Das ist nur ein Glasboden“,  korrigiert ein anderer BR.

Der Chef kennt diese Tricks, er geht gar nicht drauf ein, er geht zur Schlosserei.

Da stehen nun besonders viele Flaschen herum, liegen besonders viele Kippen am Boden, denn die Schlosser sind im Betrieb bekannt für Saufen und Rauchen und bei der gestrigen Feier waren sie wieder vornweg.

Der Chef sagt ins Mikrofon: „Ich befinde mich nun in der Schlosserei. Hier liegt eine zerbrochene Bierflasche, hier stehen viele leere Bierflaschen. Richtig meine Herren“?  fragt er. „Richtig“, sagen die Betriebsräte.

„Äh“, sagt der Berliner Betriebsleiter. Die Herren warten. Der Berliner Betriebsleiter ist ein guter Betriebsleiter, aber die Herren wissen, wie langsam er ist. Wenn er „äh“ sagt, will er etwas sagen. Die Herren warten.

„Dies sind gebrauchte Pfosten“, sagt der Betriebsleiter. Sehen Sie sich das an, ruft der Chef. Er hat eine Schnaps­flasche gefunden.

Alle Herren sehen sich das an. Es ist eine Schnapsflasche.

„Hier liegen besonders viel Scherben herum“, sagt der Chef ins Mikrofon, „bitte überzeugen Sie sich selbst.“

Alle überzeugen sich selbst: Es liegen besonders viele Scherben herum.

Dann fragt der Chef den Betriebsrat zum letzten Mal, ob dieser zurücktreten will. Falls nämlich nicht, wird er nämlich das Gewerbeaufsichtsamt holen, sagt er. „Gut“, sagt der BR, „holen Sie das Gewerbeaufsichtsamt!“ „Herr Abteilungsleiter“, sagt der Chef und seine Augen blitzen. „Holen Sie das Gewerbeaufsichtsamt.“

Während die Herren warten, lässt sich der Chef berichten, wie gestern hier, in seinem Betrieb gesoffen wurde. Schon am Mittag hatte es angefangen, erst Bier, dann Schnaps, dann mehr Schnaps, dann mehr Bier, dann diese Messerstecherei.

„Erzählen Sie“ sagt der Chef.

„Das war so“ sagt Herr P. „Ein dicker Arbeiter ist hinter diesem Angestellten hergelaufen mit einem Messer und hat gerufen: Ick stech dir ab! Der Angestellte war viel schneller und hat gerufen: Komm doch, du Fettwanst! Die anderen haben beide angefeuert.

Der Chef ist entsetzt. Mord und Totschlag in seinem Betrieb, den er mit seinen eigenen Händen aufgebaut hat, all die Jahre, Subventionen hat er locker gemacht dafür, geschuftet auch… „Das war sicherlich ein Scherz“, sagt ein Betriebsrat. „Ein schöner Scherz!“ ruft der Chef und fordert alle auf, zurückzutreten als Betriebsrat.

Dann kommt die Gewerbepolizei.

Sie ist nicht das erste Mal hier, sie kennt den Betrieb. Der Betriebs­rat hat schon den Chef angezeigt und der hat seitdem eine hohe Meinung von der Gewerbepolizei. Nun wird es anders rum gehen, denkt er. Nun wird bald der Betriebsrat eine hohe Meinung haben von der Gewerbepolizei.

„Sehen Sie sich das an“ sagt der Chef. Der Herr im grauen Anzug sieht es sich an. „Da gings ja hoch her“, sagt er.

„Und der Betriebsrat hat zugeschaut“, ruft der Chef. „Nun will er nicht zurücktreten“.

„Was haben wir damit zu tun?“ fragt die Gewerbeaufsicht.

„Hier ist Trinken und Rauchen verboten“, sagt der Chef.

„Was sagen Sie dazu?“ fragt die Gewerbeaufsicht den Betriebsrat.

„Wir haben gewartet mit der Feier, bis der Betriebsleiter drei Cognac getrunken hatte. Danach konnten wir den Leuten das Trinken schlecht verbieten, was wir ja ohnehin nicht können.“

„Was sagen Sie denn dazu?“ fragt der Chef den Betriebsleiter.
„Äh“, sagt der, „äh. So ein, zwei hab ich schon mitgetrunken“.

Das Schweigen ist peinlich. Alle Herren überlegen nun. Es ist eine verzwickte Sache. Der Chef hat recht, das steht fest, aber was geht das den Betriebsrat an?

„Sie sind für die Ordnung im Betrieb verantwortlich“, sagt die Gewerbepolizei zum Betriebsleiter. „Sie müssen das Alkoholtrinken verhindern, Sie sind der Hausherr“, sagt die Gewerbeaufsicht.

Sie spricht eine gebühren­pflichtige Verwarnung aus von 5oo Mark gegen die Geschäftsleitung, weil in den Räumen das Rauchen und Trinken verboten ist und trotzdem geraucht und getrunken wurde.

„Der Betriebsrat hat doch mitgetrunken“, ruft der Chef, „der hat dem Geschäfts­führer doch eine Falle gestellt“, ruft der Chef und „nachdem der getrunken hat, haben  sie gesagt: nun dürft ihr auch…“

„Das stimmt“, sagt der Betriebsrat. Die Leute haben erst gefeiert, als ihr Betriebsleiter mit gutem Beispiel vorangegangen ist.

„Sie hören noch von uns“ sagt die Gewerbepolizei und geht.

Nachgeschichte: Der Chef besteht darauf, dass jeder Arbeitnehmer eine schriftliche Erklärung abgibt, dass er nicht mehr trinken wird im Betrieb. Niemand unterschreibt. Daraufhin wird ein Aushang gemacht fürs Schwarze Brett, dass niemand mehr trinken darf im Betrieb. Damit ist der Betriebsfrieden wiederhergestellt.

© 2022 Paul Glaser

Theme von Anders NorénHoch ↑